- Details
- Kategorie: Januar
- Zugriffe: 371
19. Januar - Sind wir wirklich bereit?
Mit welchem Anspruch, mit welchen Erwartungen kommt jemand zu mir? Er erwartet Hilfe von mir. Manchmal kamen die Menschen zu mir wenn das Kind noch auf dem Brunnenrand stand, doch oft erst wenn das Kind schon im Fallen war. Es waren die Angehörigen eines abhängig Erkrankten, die als Erstes kamen. Sie schütteten mir in Ihrer Not Ihr Herz aus. Bin ich wirklich bereit, in diesem Moment meine Hand auszustrecken? Im bildlichen wie im wörtlichen Sinne?
Die Hand zu reichen bedeutet für den der sie bekommt, Erleichterung, Hoffnung, ein Neuanfang auch ohne gleich die Trennung vom Süchtigen als letztes Mittel in Aussicht zu stellen. Ein Gefühl von Hilfe mit Rat und Tat zu bekommen, stellt sich bei dem Ratsuchenden ein. Bin ich bereit, dass was jetzt kommt zu leisten? Echte Begleitung? Ich konnte nahezu in allen Fällen immer ein uneingeschränktes „Ja“ dazu finden. Die Aussicht darauf, sich nicht nur um sich selbst kümmern zu dürfen, gab mir ein gutes Gefühl. Dem Ratsuchenden mit meinen gemachten Erfahrungen zur Seite stehen zu können, bewirkte eine Veränderung bei ihm. Nur ein Mensch der für sich sorgt und dem es gut geht hat Energien zur Verfügung, die er seiner Umwelt zur Verfügung stellen kann. Und ein abhängig Erkrankter saugt Energie in sich auf und kostet unendlich Kraft.
Deshalb stelle ich die Frage jetzt noch einmal. Sind wir, bin ich wirklich bereit, dass alles mitzutragen? Mit dieser Bereitschaft können wir wirklich etwas bewegen. Mit ganzem Herz und klarem Verstand.
Dies habe ich geschrieben, da ich folgende Erfahrung gemacht habe. Menschen die frisch in die Abstinenz gegangen sind oft von einer großen Euphorie erfüllt und wollen die ganze Welt in die Abstinenz führen. Nicht selten haben sie sich selbst dabei überschätzt und in die Gefahr geraten wieder rückfällig zu werden.
Sie waren noch nicht gefestigt und nicht bereit für eine solche Arbeit.